NICHT SPIELEN – WIRKLICH FÜHLEN

KÖLNISCHE RUNDSCHAU
Von DANIELA ABELS

Dass sein Gedicht vom Pflaumenbaum einmal für derartige Emotionen sorgen würde,

hätte Bertold Brecht wohl nicht geahnt. Der Zwölfzeiler spielte an Tag zwei eines insgesamt viertägigen KölnerWorkshops der Schule für Schauspiel Hamburg eine wichtige Rolle. Um sich für die Ausbildung an dem staatlich anerkannten Institut zu bewerben, kommt die Schule zu den angehenden Akteuren. Für vier Tage

war sie in Köln zu Gast – und es zählte nicht nur das klassische Vorsprechen. Der Vorteil dieses Angebots liegt für Michaela Uhlig, die die Schule mit leitet, auf der Hand: „Beim Vorsprechen sind viele Bewerber so aufgeregt, dass wir ihr Talent kaum beurteilen können. In den Orientierungskursen hingegen können wir uns ein Gesamtbild aller persönlichen Eigenschaften machen.“

Doch nicht nur beim Auswahlverfahren beschreitet das Hamburger Institut neue Wege, sondern auch während der Ausbildung. Ein halbes Jahr vor Ausbildungsende können die Studenten sich wahlweise für einen Theateroder Filmabschluss entscheiden. Die Tendenz gehe in den letzten Jahren verstärkt zum Film, bestätigt Imke Trommler, die den Kurs in Köln leitet. Dennoch sei die Theaterarbeit immer noch die Basis eines jeden guten Schauspielers. Den Brecht’schen Pflaumenbaum sollten die Schüler über Nacht auswendig lernen. „Dabei geht es wenigerumden Inhalt“ so Trommler, „als vielmehr darum, eine gemeinsame Textgrundlage für die folgende Übung zu haben.“ Um Stimmungen abzurufen etwa. Für sich alleine oder mit einem Partner sollen die Teilnehmer das Gedicht mal traurig, mal fröhlich,malwütendsprechen. „Versucht nicht zu spielen, versucht es wirklich zu fühlen!“ ruft die Dozentin–und zwanzig Menschen geben ihr Bestes. Dabei offenbart sich Faszinierendes: Obwohl laut Trommler keiner der Kursteilnehmer Und jetzt den „Pflaumenbaum“: Angehende Akteure beimAufnahmeverfahren. (Foto: Gauger) über professionelle Erfahrung verfügt, entsteht in manchen Fällen tatsächlich der Eindruck, als sorge die Information „Im Hofe steht ein Pflaumenbaum“ für ungezügelte Wut und gleich darauf für unbändige Heiterkeit. Ebenso offensichtlich ist aber, dass die Aufgabe einige Bewerber überfordert. Auch das sei völlig in Ordnung, betonen die Leiter der Schule: „Häufig stellt sich heraus, dass man sich ein völlig falsches Bild von der Schauspielerei gemacht hat. Auch dafür sind unsere Kurse da.“

In Köln sind überwiegend junge Menschen dabei, viele haben gerade ihr Abitur in der Tasche. Hinzu kommt, dass für die Teilnahme an den Orientierungskursen

keine Voraussetzungen gelten. Es gilt allein das Prinzip „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“ Bei zwanzig Teilnehmern ist Schluss – Bewerber gab es weit mehr. Und eins ist auch an dieser Schauspielschule so: „Nur einige schaffen den Sprung ins Fach.

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